Praxisforschungstag 25.01.2026

Masterstudierende präsentieren ihre Forschungsergebnisse zu Lebenslagen älterer und älter werdender Menschen im Landkreis Mittelsachsen

Praxisforschung ist ein wesentlicher Bestandteil des Masterstudiums der Sozialen Arbeit. In enger Zusammenarbeit mit Einrichtungen und Akteur:innen aus der Praxis entwickeln die Studierenden eigene Forschungsarbeiten. Das Kooperationsprojekt zum Aufbau einer Sozialberichterstattung zwischen der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida und dem Landkreis Mittelsachsen bot nun zum wiederholten Mal den Rahmen für diese Art der Forschung. Seit 2014 haben bereits fünf Masterjahrgänge regionale Lebenslagen untersucht und wertvolle Einblicke gewonnen.

Inhaltsverzeichnis

Die Ergebnisse der studentischen Forschungen ergänzen die statistischen Daten der Sozialberichte auch um qualitativ erhobene Perspektiven und subjektive Erfahrungen aus dem Alltag der Menschen vor Ort. Sie zeigen auf, wo Unterstützungsbedarfe bestehen, benennen Handlungsansätze für Politik und Verwaltung und liefern wichtige Impulse für die Weiterentwicklung sozialer Angebote im Landkreis Mittelsachsen.

Wie leben ältere und älter werdende Menschen im Landkreis Mittelsachsen? Welche Herausforderungen prägen ihren Alltag – und was braucht es, um gute Lebensbedingungen auch im höheren Alter zu sichern? Mit diesen und weiteren Fragen haben sich aktuell Masterstudierende der Sozialen Arbeit an der Hochschule Mittweida über drei Semester beschäftigt und ihre Forschungsergebnisse nun den Vertreter:innen der Landkreisverwaltung Mittelsachsen vorgestellt.

Lebenslagen älterer Menschen in der Sozialregion 7: Nordost (Hainichen) unter besonderer Berücksichtigung von Lebenszufriedenheit und Gesundheit

Eine Arbeitsgruppe hat die Lebenslagen älterer und älter werdender Menschen in der Sozialregion 7: Nordost (Hainichen) untersucht und dabei die Aspekte Lebenszufriedenheit und Gesundheit in den Fokus gerückt. Datengrundlage ist die im Frühsommer 2025 durchgeführte Befragung von Menschen ab 55 Jahren in Mittelsachsen. Die Studierenden legten ihrer Auswertung folgende Forschungsfrage zugrunde:

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen der Lebenszufriedenheit, Gesundheit und medizinischer Versorgung bei Menschen ab 55 Jahren in der Sozialregion 7, insbesondere in der Stadt Hainichen und welche regionalen Unterschiede zeigen sich im Landkreis Mittelsachsen?

Ca. 90 Prozent der Befragten ab 55 Jahren sind mit ihrem Leben in Mittelsachsen zufrieden, für knapp zwei Drittel trifft dies sogar in hohem Maß zu.

Alleinlebende geben ihre Zufriedenheit leicht geringer an als Menschen, die mit anderen zusammenleben. Soziale Kontakte wirken sich positiv auf die Zufriedenheit mit der Lebenssituation aus. Die Zufriedenheit mit der Gesundheit liegt leicht unter der allgemeinen Zufriedenheit. Die medizinische Versorgung in Mittelsachsen wird ebenfalls mehrheitlich als zufriedenstellend beschrieben. Nach Geschlecht differenziert lassen sich nur geringe Unterschiede feststellen. Die Forscherinnen konnten zudem Zusammenhänge zwischen der Gesundheitszufriedenheit und den sozioökonomischen Faktoren Bildungsniveau und Einkommen herausarbeiten.

Als erste Ansätze für gelingendes Altern und eine Stärkung der Lebenszufriedenheit älterer Menschen erarbeiteten die Studierenden folgende Punkte:

  • Vermittlung positiver Altersbilder
  • Unbürokratische Förderung von Gesundheitskompetenz
  • Stärkung von niedrigschwelligen Begegnungsangeboten

Für weiterführende Analysen und Beschreibungen der komplexen Lebenslage Alter steht ein umfangreicher „Datenschatz“ zur Verfügung, der weitere differenzierte Betrachtungen nach verschiedenen Kriterien wie Altersgruppen, Geschlecht oder Stadt-Land-Unterschieden ermöglicht. Diese vertiefenden Auswertungen erlauben eine präzisere Identifikation von Bedarfen und unterstützen eine zielgerichtete Weiterentwicklung von Angeboten. Weitere Ergebnisse aus diesen Analysen werden in einem Blogbeitrag im Februar veröffentlicht.

Lebenslagen älterer Menschen in der Sozialregion 2: (Südost) Sayda unter besonderer Berücksichtigung von Wohnen und Mobilität.

Eine weitere studentische Gruppe hat den Fokus eher auf den ländlichen Raum gelegt und untersucht, wie Menschen ab 55 Jahren ihre aktuelle Lebenssituation in der Sozialregion 2: Südost (Sayda) empfinden und welche Bedürfnisse sie haben.

Der Schwerpunkt lag dabei auf den Bereichen Wohnen, Mobilität und Infrastruktur. In ihrem Forschungsdesign verbinden die Studierenden die Analyse statistischer Daten mit qualitativer Forschung. Dazu haben sie vor Ort Interviews mit älteren und älter werdenden Menschen geführt.

Im Bereich der Mobilität zeigt sich, dass der (teilweise fehlende) öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) für Menschen ab 55 Jahren keine bedeutende Rolle spielt und das eigene Auto die wichtigste Möglichkeit für Eigenständigkeit und Teilhabe darstellt. Eine Passage aus einem Interview verdeutlicht dies eindrucksvoll: „Mich beschäftigt, dass wir keine Verkehrsanbindung haben zu anderen Orten. […] wir [können] dann im Alter nicht zum Arzt kommen, […] nicht in die Apotheke, nicht zum Einkaufen. […] Das beschäftigt mich, weil wir leben in einem kleinen Dorf und, noch kann man Auto fahren, aber sollte das mal nicht mehr der Fall sein […], man kommt schlecht zu Arzt.“

Eng mit dem Thema Mobilität verknüpft ist auch die Bewertung der Infrastruktur (insbesondere der Einkaufsmöglichkeiten) und der Wohnumgebung (unter anderem die Sicherheitswahrnehmung) zu verstehen. Hier werden Stadt-Land-Unterschiede sichtbar, die es noch stärker zu betrachten gilt.

Als zentrale Handlungsimpulse erarbeiteten die Forscherinnen folgende:

  • Sicherheit im Wohnumfeld verbessern
  • Mobilität neu denken: Alternativen zum Auto ausbauen
  • Nahversorgung insbesondere im ländlichen Raum sichern
  • Partizipation älterer Menschen verankern

Festzuhalten bleibt, dass die Forschung vor Ort stets mehr ist als ein Ergebnisbericht. Die Studierenden lernen einerseits methodisches Arbeiten, kommen mit Menschen vor Ort in Kontakt, reflektieren Gespräche und binden Ergebnisse in die Theorie zurück. Die Befragten wiederum erhalten eine Stimme, haben durch die Beteiligung die Möglichkeit, ihre Sichtweise und Bedarfe zu transportieren und erleben in dieser Form demokratische Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit.

„Einen alten Baum verpflanzt man nicht“: Selbstbestimmtes Wohnen von älteren Menschen mit geistiger Behinderung im Rahmen der Eingliederungshilfe.

Im Fokus der Forschung der dritten Arbeitsgruppe stand eine besonders vulnerable Zielgruppe: älter werdende Menschen mit geistiger Behinderung.  Dabei stellte sich die Frage nach den Möglichkeiten des Selbstbestimmten Wohnens dieser Menschen im Rahmen der Eingliederungshilfe nach §113 SGB IX i. V. m. §77 SGB IX.

Die Studierenden verdeutlichten ausführlich die Problemstellung, die ihrer Forschung zugrunde liegt und fragten: Welche Wünsche formulieren älter werdende Menschen mit geistiger Behinderung mit Blick auf ihre Wohnsituation nach Beendigung der Erwerbstätigkeit? 

Methodisch hat sich die Forschungsgruppe auf den spannenden Weg begeben, Betroffene selbst zu befragen. Dazu wurden zwei leitfadengestützte Gruppeninterviews in einer mittelsächsischen Einrichtung durchgeführt. Ein wesentlicher Forschungsansatz war demnach der Grundsatz der UN- Behindertenrechtskonvention „Nicht ohne uns, über uns“. Ein Expert:inneninterview ergänzte die Sichtweisen der Menschen mit Behinderung.

In den Interviews wurde deutlich, dass die Befragten einen starken Wunsch danach äußern, auch nach ihrer Erwerbstätigkeit im vertrauten Umfeld wohnen zu bleiben. Demgegenüber steht jedoch nur eine begrenzte Entscheidungsmacht. Auf Expert:innenebene wird dieser Wunsch nach Verbleib im bisherigen Wohnumfeld anerkannt. Die stationäre Altenhilfe wird nicht als adäquater Ort für Menschen mit geistiger Behinderung gesehen (u.a. aufgrund speziell erforderlicher Zusatzqualifikationen wie einen heilpädagogischen Abschluss), jedoch teilweise als notwendig beschrieben. Spezialisierte Wohnpflegeangebote für die Zielgruppe sind nur begrenzt vorhanden. Die Forschung zeigt eindrücklich auf, dass der Anspruch von Menschen mit geistiger Behinderung auf Selbstbestimmung und Wohnkontiunität sich in einem Spannungsfeld zwischen rechtlichen Rahmenbedingungen, personellen und finanziellen Strukturen bewegt. Deshalb wird die Schlüsselfrage formuliert: Wie können Strukturen geschaffen werden, die die Wünsche der Bewohner:innen tragen?

Wichtig ist, die Lebenslage Alter und ältere Menschen in all ihrer Heterogenität in Planungsprozessen zu sehen und einzubeziehen. Für kommunale Akteure und Leistungserbringende bedeutet das Vernetzung über gesetzliche Zuständigkeiten hinweg.

Auf dem Weg zu einem Seniorenwegweiser: Entwicklung eines Kategoriensystems als Grundlage für die Erstellung.

Die vierte Forschungsgruppe ist einen anderen Weg gegangen: Mithilfe eines Fragebogens wurden in der Sozialregion 2: Südost (Sayda) über 100 ältere Menschen im öffentlichen Raum unter anderem zu den Themen Einkaufsmöglichkeiten, Freizeit und Soziales, ärztliche Versorgung sowie ÖPNV und Mobilität befragt. Ziel ist es, perspektivisch zwei ganz praktische Dinge auf den Weg zu bringen: Ein Seniorenwegweiser könnte auf kommunaler Ebene gebündelt Informationen zu Angeboten für ältere und älter werdende Menschen bereitstellen. Ein kompaktes Datenblatt, das beispielsweise an einer Kühlschranktür schnell griffbereit ist, könnte wertvolle Hinweise zu Erreichbarkeiten in Krisenfällen (Krankheit, Einsamkeit, Verlust der Geldkarte …) liefern.

Fazit & Ausblick

Der Nachmittag machte deutlich, mit welchen komplexen Fragen das Älterwerden, insbesondere im ländlichen Raum einhergeht. Jörg Höllmüller, der zweite Beigeordnete des Landkreises Mittelsachsen, dankte den Studierenden für ihr Forschungsinteresse und machte deutlich, welcher wichtiger Beitrag hier geleistet wird.

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung hat es sich der Landkreis Mittelsachsen zur Aufgabe gemacht, eine seniorenpolitische Strategie zu entwickeln. Diese soll im zweiten Halbjahr 2026 auf den Weg gebracht werden. Ausgewählte Ergebnisse der Studierende werden in die Formulierung dieser Strategie einfließen.

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