Der Weg zur seniorenpolitischen Strategie und warum jede Stimme für das Älterwerden in Mittelsachsen zählt
- Sozialberichterstattung
Der demografische Wandel taugt weder als Schreckgespenst noch als fernes Zukunftsszenario – er ist eine reale Gestaltungsaufgabe. Auch im Landkreis Mittelsachsen verschiebt sich die Altersstruktur spürbar: Während die Gesamtbevölkerung zurückgeht, wächst der Anteil älterer Menschen kontinuierlich. Lebensläufe werden vielfältiger, familiäre Strukturen verändern sich – und mit ihnen steigen die Anforderungen an Mobilität, Gesundheitsversorgung, Wohnen, Pflege und gesellschaftliche Teilhabe.
Inhaltsverzeichnis
Daraus erwächst ein klarer Handlungsauftrag für die kommunale Ebene. Im Rahmen der Integrierten Sozialplanung erarbeitet der Landkreis Mittelsachsen eine seniorenpolitische Strategie, die strukturelle und soziale Entwicklungen aufgreift und strategisch bündelt. Sie schafft eine belastbare Grundlage, um Angebote, Strukturen und Kooperationen bedarfsgerecht weiterzuentwickeln und langfristig gute Lebensbedingungen im Alter zu sichern.
Quelle: Hessbeck Photography
Mit dem Beitrag zur Befragung „Wie leben ältere und älter werdende Menschen in Mittelsachsen?“ haben wir im Herbst 2025 den Beteiligungsprozess vorgestellt und erste Ergebnisse veröffentlicht. Nun liegt die vollständige Auswertung der Befragung der Einwohner:innen 55+ Jahre vor – ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer zukunftsfesten Seniorenpolitik im Landkreis Mittelsachsen.
Seniorenpolitik als Teil der Integrierten Sozialplanung
Die seniorenpolitische Strategie entsteht nicht spontan, sondern folgt einem systematischen Vorgehen. Ihr Fundament bildet § 71 SGB XII: Er verpflichtet Kommunen, die Herausforderungen des Älterwerdens aktiv anzugehen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die gesellschaftliche Teilhabe im Alter sichern. Genau daraus entwickelt Mittelsachsen seinen strategischen Prozess – gezielt, vorausschauend und mit Blick auf die Bedürfnisse der älteren und älter werdenden Generationen.
In Mittelsachsen wird dieser Auftrag in der Integrierten Sozialplanung gebündelt. Das bedeutet: Datenanalyse, Beteiligung, fachliche Abstimmung und strategische Priorisierung greifen ineinander. So entsteht ein tragfähiger Handlungsrahmen für die kommenden Jahre – orientiert an realen Bedarfen statt an kurzfristigen Einzelmaßnahmen.
Die Befragung 55+ Jahre ist dabei ein zentraler Baustein, aber nicht das einzige Instrument im Gesamtprozess.
Wer hat sich beteiligt? – Ein Blick auf den Gesamtdatensatz
Insgesamt beteiligten sich 689 Bürger:innen an der Befragung. Die Resonanz zeigt deutlich, dass das Thema Älterwerden im Landkreis auf großes Interesse stößt. Besonders aktiv waren die Menschen in der Sozialregion 7: Nordost (Hainichen) mit 289 Teilnehmenden. Dort wurde in der Stadt Hainichen eine Zufallsstichprobe gezogen und der Fragebogen postalisch versendet. Die daraus resultierende hohe Rücklaufquote innerhalb der Stichprobe von insgesamt ca. 29 % belegt, dass postalische Beteiligungsformate weiterhin eine verlässliche und wirksame Methode darstellen, um ältere Zielgruppen zu erreichen.
Quelle: Hochschule Mittweida
Ein genauer Blick auf die Beteiligungsformen macht jedoch deutlich: Nur in der Stichprobe in Hainichen sowie in wenigen ergänzenden Interviewfällen bestand überhaupt die Möglichkeit, analog zu antworten. Entsprechend gingen in Hainichen 35,4% der Rückmeldungen auf dem klassischen Weg ein. Insgesamt nutzten 44,3% aller Befragten den Online-Fragebogen – nahezu jede zweite Person brachte ihre Perspektive also digital ein. 12,2% der Rückmeldungen stammen aus der Sozialregion 2: Südost (Sayda), weitere 3,9% aus anderen Regionen jeweils über den postalischen Weg. 4,2% der Rückmeldungen lassen sich nicht eindeutig einem Format bzw. einer Region zuordnen.
Auffällig ist der deutliche Altersunterschied. Die lebenszyklische Auswertung der Teilnahmeformate bestätigt zentrale Befunde des 3. Sozialberichts: Mit zunehmendem Alter verändern sich die Zugangswege zu Beteiligungsangeboten. Während in der Altersgruppe der 55-59-Jährigen 64,6% digital teilgenommen haben, sinkt dieser Anteil bei den 60-74-Jährigen auf 43,0% und bei den 75-84-Jährigen auf 26,2%. In der Gruppe der 85-Jährigen und Älteren liegt die digitale Teilnahme nur noch bei 11,5%. Spiegelbildlich steigt der analoge Anteil kontinuierlich an und erreicht bei den Hochaltrigen 76,9%.
Damit wird deutlich: Digitale Beteiligungsformate erreichen insbesondere die „jungen Alten“, während für ältere und hochaltrige Menschen analoge, persönliche und niedrigschwellige Zugänge weiterhin unverzichtbar sind.
Quelle: Hochschule Mittweida
Die Geschlechterverteilung fällt ebenfalls deutlich aus: 451 Frauen stehen 231 Männern gegenüber. Die Beteiligung ist damit klar weiblich geprägt. Dass fast doppelt so viele Frauen ihre Stimme abgaben, unterstreicht offenbar ihre Rolle als treibende Kraft im sozialen Nahraum. Sie sind möglicherweise die Architektinnen der Nachbarschaftshilfe und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, andererseits stellt sich die strategische Frage, wie Männer künftig stärker angesprochen und aktiviert werden können.
Auch der Blick auf Bildung und Einkommen liefert wertvolle Informationen. Ein großer Teil der Befragten verfügt über einen beruflichen Abschluss, zahlreiche Teilnehmende besitzen einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluss. Das monatliche Haushaltsnettoeinkommen liegt bei der Mehrheit zwischen 1.500 und 2.500 Euro, rund 16,6% verfügen über mehr als 3.500 Euro. Diese Daten helfen, soziale Lagen differenziert zu betrachten und Unterstützungsbedarfe realistisch einzuschätzen.
Ein Datenschatz wird gehoben
Die ersten Ergebnisse liefern wertvolle Hinweise und zeigen erste Tendenzen auf. Der nun vorliegende „Datenschatz“ wird umfassend und vertieft ausgewertet. Dabei geht es unter anderem darum, Zusammenhänge zwischen Lebenszufriedenheit, Alter, Geschlecht und regionalen Unterschieden zu analysieren – ebenso wie Aspekte zu Gesundheit, Mobilität, Wohnsituation, sozialer Einbindung und Unterstützungsbedarfen.
Zudem werden die Befunde mit den Ergebnissen des 3. Sozialberichts systematisch verknüpft. Auf diese Weise entsteht ein belastbares Gesamtbild, das Entwicklungen einordnet, Wechselwirkungen sichtbar macht und eine fundierte Grundlage für weitere strategische Entscheidungen bietet.
Mehr zum Älterwerden
Das Puzzle der Strategie: Viele Bausteine – ein gemeinsames Ziel
Für eine fundierte seniorenpolitische Strategie benötigt es mehr als nur Daten und Tabellen. Es werden verschiedene „Puzzlestücke“ zusammengesetzt, um die Lebensrealität der Generationen 55+ und ihre Wünsche in ihrer ganzen Vielfalt abzubilden.
Puzzlestück 1: Umfrage 55+ Jahre
Mit 689 Teilnehmenden aus dem gesamten Landkreis verfügt die Strategie über eine belastbare Datengrundlage.
Puzzlestück 2: Die Praxisforschung der Hochschule Mittweida
Masterstudierende der Sozialen Arbeit haben zu verschiedenen Themen Forschungsprojekte durchgeführt:
- Fokus Ländlicher Raum:In der Sozialregion 2: Südost (Sayda) wurden neben der standardisierten Umfrage auch qualitative Interviews geführt.
- Fokus Vulnerable Gruppen:Eine Arbeitsgruppe widmete sich speziell Menschen mit geistiger Behinderung und ihrem Wunsch nach Wohnkontinuität und Selbstbestimmung nach dem Erwerbsleben („Einen alten Baum verpflanzt man nicht“).
- Fokus Praxisnutzen:Eine weitere Gruppe entwickelte die Basis für einen Seniorenwegweiser.
Weiteres dazu unter: Praxisforschungstag 25.01.2026 – Mittelsachsen Sozial
Puzzlestück 3: Regionale Seniorenforen – Mitreden. Mitgestalten. Mein Mittelsachsen.
Zahlen und Interviews bilden das Fundament – der persönliche Austausch ist der konsequente nächste Schritt im Beteiligungsprozess.
Im Frühjahr 2026 finden sieben regionale Seniorenforen statt. Dort kommen Fachexpert:innen, Vertreter:innen aus Politik und Verwaltung sowie Bürger:innen ins Gespräch, um gemeinsam zu diskutieren: Wie wollen wir in Mittelsachsen älter werden?
Ihre Erfahrungen, Perspektiven und Ideen sind entscheidend, um eine starke und zukunftsfähige Seniorenpolitik weiterzuentwickeln.
Haben Sie Interesse an einer Teilnahme? Dann melden Sie sich bitte unter:
sozialplanung@landkreis-mittelsachsen.de
Auf dem Weg zur seniorenpolitischen Strategie 2026
Die Erarbeitung der seniorenpolitischen Strategie des Landkreises ist ein mehrjähriger, sorgfältig geplanter Prozess. Seit dem Planungsauftrag des Kreistags im Juli 2023 greifen zahlreiche Schritte ineinander: Beteiligungsphasen, Datenerhebungen, wissenschaftliche Auswertungen und regionale Seniorenforen bilden das Fundament für eine fundierte und zukunftsorientierte Steuerung.
Aus diesem Prozess wächst ein Gesamtbild, das fachlich abgestimmt, priorisiert und schließlich in konkrete Ziele und Maßnahmen übersetzt wird.
Ab Mai 2026 beginnt die Phase, in der all diese Bausteine zu einer klar formulierten Strategie zusammengeführt werden. Im Oktober 2026 soll sie dem Kreistag zur Entscheidung vorliegen – und damit zur verbindlichen Grundlage für die Weiterentwicklung der Seniorenpolitik werden.
Quelle: Landkreis Mittelsachsen, Hochschule Mittweida
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