Jugendbefragung in Mittelsachsen
- Kinder, Jugendliche und Familien, Sozialberichterstattung
Wie verbringen Jugendliche ihre Freizeit? Welche Sorgen beschäftigen sie – und wie stellen sie sich ihre Zukunft vor? Mit diesen Fragen hat sich der Landkreis Mittelsachsen im Rahmen der Fortschreibung des Jugendhilfeplans intensiv auseinandergesetzt. Eine breit angelegte Jugendbefragung, welche durch die Abteilung Jugend und Familie des Landkreises durchgeführt und ausgewertet wird, liefert nun wichtige Einblicke in die Lebenswelt junger Menschen zwischen 10 und 20 Jahren.
Inhaltsverzeichnis
Angebote der Kinder- und Jugendhilfe können nur dann wirksam gestaltet werden, wenn sie sich an den tatsächlichen Bedürfnissen orientieren – und nicht an Annahmen. Die Befragung schafft hierfür eine belastbare Grundlage: Sie macht sichtbar, wo Unterstützungsbedarfe bestehen, welche Angebote genutzt werden und wo Lücken im bestehenden System liegen. Gleichzeitig stärkt sie die Beteiligung junger Menschen, indem sie ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Sichtweisen aktiv in politische und fachliche Entscheidungsprozesse einzubringen.
Beteiligung als zentrales Ziel
Die Befragung wurde im Kontext der Weiterentwicklung des Teilfachplans zu den §§ 11 bis 14 sowie § 16 SGB VIII durchgeführt. Ziel war es insbesondere, jungen Menschen eine Stimme zu geben und sie aktiv in den Planungsprozess einzubeziehen. Gleichzeitig sollten ihre Bedürfnisse, Interessen und Herausforderungen besser verstanden werden.
Insgesamt nahmen 635 Jugendliche teil – das entspricht rund 2,1% der Altersgruppe im Landkreis. Die Teilnahme wurde über Schulen, Jugendsozialarbeit, Gremien wie den Kreisschülerrat sowie über digitale Zugänge wie QR-Code und sächsisches Beteiligungsportal ermöglicht.
Beteiligungsquote in den Sozialregionen
Quelle: Landratsamt Mittelsachsen
Wer hat an der Befragung teilgenommen?
Die Altersverteilung zeigt eine breite Streuung, mit den größten Gruppen bei den 14- bis 15-Jährigen (25%) sowie den 16- bis 17-Jährigen (27%). Jüngere Teilnehmende im Alter von 10 bis 11 Jahren waren mit 6% vertreten, während 18- bis 20-Jährige einen Anteil von 23% ausmachen.
Beim Geschlecht ergibt sich ein nahezu ausgeglichenes Bild: 52 % der Befragten sind weiblich, 46 % männlich und 2 % ordnen sich keiner der beiden Kategorien zu.
Auch hinsichtlich der Schularten ist die Beteiligung vielfältig. Die meisten Teilnehmenden besuchen ein Gymnasium (31 %) oder eine Oberschule (27 %), gefolgt von Berufsschulen bzw. Kollegs (23 %). Schüler:innen von Förderschulen stellen 7 %, während Grundschüler mit 2 % vertreten sind. Zudem gaben 10 % der Befragten an, aktuell keine Schule zu besuchen.
Insgesamt bildet die Befragung damit ein breites Spektrum der jungen Bevölkerung in Mittelsachsen ab und ermöglicht differenzierte Einblicke in verschiedene Lebenslagen und Bildungswege.
Freizeit, Engagement und Erwartungen
Jugendliche in Mittelsachsen verfügen im Durchschnitt über rund 5,1 Stunden Freizeit pro Wochentag – bei den 14- bis 15-Jährigen sogar etwa 5,5 Stunden. Diese Zeit wird vor allem für digitale Medien – Internet und Social Media – (79%) und das Treffen mit Freunden (78%) genutzt. Gleichzeitig verbringen 77% der Jugendlichen ihre Freizeit täglich zu Hause, während nur 19% regelmäßig öffentliche Orte nutzen.
Ein wichtiger Bestandteil der Freizeit ist für viele auch das ehrenamtliche Engagement: 25% der 14- bis 20-Jährigen engagieren sich bereits, beispielsweise in Vereinen, der Jugendfeuerwehr oder beim Technischen Hilfswerk. Gleichzeitig geben 36% an, dass sie sich gern (noch stärker) einbringen würden.
Wieviel Stunden Freizeit hast du an einem normalen Wochentag durchschnittlich zur Verfügung? Auswertung nach Altersgruppen, Geschlecht und Schularten (nur männlich, weiblich, ohne Grundschule)
Quelle: Landkreis Mittelsachsen
Welche der folgenden Dinge machst du regelmäßig in deiner Freizeit? (Mehrfachauswahl); Auswertung der Antworten nach Geschlecht (nur männlich und weiblich)
Quelle: Landkreis Mittelsachsen
Wenn ehrenamtlich aktiv, In welchem Bereich und wie oft?
Quelle: Landkreis Mittelsachsen
Die Ergebnisse zeigen zudem deutlich, wo Handlungsbedarf besteht: An erster Stelle steht der Wunsch nach besseren Bus- und Bahnverbindungen (47%), gefolgt von mehr Orten, an denen Jugendliche ungestört sein können – sowohl draußen (45%) als auch drinnen (38%). Auch zusätzliche Sportangebote (37%) und wohnortnahe Jugendclubs (25%) werden häufig genannt. Insgesamt wird deutlich, dass Jugendliche nicht nur vielfältige Freizeitmöglichkeiten wünschen, sondern vor allem erreichbare, niedrigschwellige und attraktive Angebote, die sowohl Engagement als auch Gemeinschaft fördern.
Wie können Freizeitangebote aus deiner Sicht verbessert werden? (Mehrfachauswahl)
Quelle: Landkreis Mittelsachsen
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Sorgen und Unterstützungsbedarf: Schulische Belastungen und Zukunftsfragen im Fokus
Die Ergebnisse der Jugendbefragung zeigen deutlich, dass viele junge Menschen in Mittelsachsen mit konkreten Belastungen konfrontiert sind. Am häufigsten werden schulische Probleme genannt, die für 30% der Befragten eine starke Belastung darstellen. Dicht dahinter folgen Zukunftsängste mit 29% sowie emotionale Belastungen, etwa durch Stress oder negative Gefühle, mit 23%.
Auffällig ist, dass Mädchen insgesamt häufiger von Belastungen berichten als Jungen, während Sorgen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen von beiden Geschlechtern ähnlich wahrgenommen werden (18%). Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse auch Ressourcen: 79% der Jugendlichen geben an, eine Vertrauensperson zu haben, an die sie sich bei Problemen wenden können – meist im familiären oder freundschaftlichen Umfeld.
Dennoch besteht ein deutlicher Bedarf an professioneller Unterstützung. Besonders häufig wünschen sich Jugendliche Beratung bei psychischen und schulischen Problemen (jeweils 39%), gefolgt von Fragen zur Berufswahl (36%) sowie Unterstützung bei Mobbing oder familiären Konflikten (je 29%). Als bekannte Anlaufstellen nennen viele die Schulsozialarbeit sowie die Berufsberatung. Insgesamt wird deutlich, dass neben stabilen sozialen Netzwerken auch niedrigschwellige, gut erreichbare Beratungsangebote eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden junger Menschen spielen.
In welchem Bereich hast du zurzeit eventuell Probleme oder Sorgen und wie stark belasten dich diese?
Quelle: Landkreis Mittelsachsen
Zukunft: Orientierung gefragt
Beim Blick in die Zukunft zeigt sich, dass viele Jugendliche in Mittelsachsen bereits konkrete Vorstellungen haben, zugleich aber Orientierung und Unterstützung benötigen. Jeweils 25% der Befragten streben nach ihrer aktuellen Tätigkeit eine Ausbildung oder ein Studium an, während 22% möglichst direkt ins Berufsleben einsteigen möchten. Andere Wege wie ein Freiwilligendienst, ein Praktikum oder die Bundeswehr spielen mit jeweils nur 1 bis 2% eine deutlich geringere Rolle.
Auffällig ist zudem, dass 10% der Jugendlichen einen Auslandsaufenthalt in Betracht ziehen – dabei häufiger Mädchen als Jungen. Besonders stark ausgeprägt ist der Wunsch nach einer Ausbildung bei Schüler:innen von Förderschulen, von denen sich 55% für diesen Weg entscheiden.
Gleichzeitig wird deutlich, dass viele Jugendliche auf Unterstützung angewiesen sind: Zwar wurden 40% bereits bei ihrer Zukunftsplanung beraten, meist durch Familie oder Freundeskreis, doch von den übrigen wünschen sich aktuell 41% gezielte Hilfe – insbesondere bei der Berufsorientierung. Dies unterstreicht die zentrale Bedeutung von frühzeitiger, praxisnaher und niedrigschwelliger Beratung, um jungen Menschen verlässliche Perspektiven für ihren weiteren Lebensweg zu eröffnen.
Was würdest du am liebsten nach deiner jetzigen Tätigkeit tun? (alle TN ab 14 Jahre), Auswertung nach Art der besuchten Schule
Quelle: Landkreis Mittelsachsen
Mitreden und Mitgestalten
Die Jugendbefragung zeigt deutlich, dass viele junge Menschen in Mittelsachsen den Wunsch haben, sich aktiv in ihr Lebensumfeld einzubringen. Mehr als die Hälfte der Befragten (54%) gibt an, sich gern an Entscheidungen im eigenen Wohnort beteiligen zu wollen, während nur 13% kein Interesse daran haben. Besonders ausgeprägt ist dieser Wunsch bei Jungen.
Gleichzeitig wird jedoch deutlich, dass die wahrgenommenen Einflussmöglichkeiten bislang begrenzt sind: Lediglich 10% der Jugendlichen schätzen ihre Chancen, tatsächlich etwas bewirken zu können, als groß oder sehr groß ein – auch wenn dies im Vergleich zu früheren Erhebungen bereits eine Verbesserung darstellt.
Wenn Jugendliche etwas verändern möchten, würden sich 40% am ehesten an den Bürgermeister oder die Bürgermeisterin wenden. Zudem zeigt sich eine klare Präferenz für niedrigschwellige Beteiligungsformate: 39% können sich vorstellen, sich punktuell an Projekten oder Veranstaltungen zu beteiligen.
Insgesamt wird deutlich, dass das Interesse an Mitbestimmung vorhanden ist, jedoch noch stärker durch passende Strukturen und konkrete Beteiligungsmöglichkeiten unterstützt werden muss. Jugendliche wollen mitreden – entscheidend ist, ihnen dafür auch sichtbare und wirksame Wege zu eröffnen.
Quelle: Landkreis Mittelsachsen
Fazit: Vielfalt der Bedürfnisse ernst nehmen
Die Ergebnisse der Jugendbefragung machen deutlich, wie vielfältig die Lebenslagen, Interessen und Herausforderungen junger Menschen in Mittelsachsen sind. Sie zeigen nicht nur konkrete Bedarfe – etwa in den Bereichen Mobilität, Freizeit, Beratung und Beteiligung –, sondern verdeutlichen auch, dass standardisierte Angebote den unterschiedlichen Lebensrealitäten oft nicht gerecht werden. Vielmehr braucht es passgenaue, flexible und sozialräumlich ausgerichtete Lösungen.
Hier setzt die integrierte Sozialplanung an: Sie verfolgt das Ziel, verschiedene Lebensbereiche – von Jugendhilfe über Bildung bis hin zu Mobilität und Gesundheit – stärker miteinander zu verzahnen und auf Basis fundierter Daten gemeinsam weiterzuentwickeln. Die vorliegenden Ergebnisse liefern dafür eine wichtige Grundlage, da sie nicht nur Problemlagen sichtbar machen, sondern auch Ressourcen und Potenziale junger Menschen aufzeigen.
Auch über Mittelsachsen hinaus zeigt sich, dass viele der identifizierten Themen bundesweit relevant sind. Fragen der Erreichbarkeit von Angeboten im ländlichen Raum, steigende psychische Belastungen, der Wunsch nach Beteiligung sowie der Bedarf an verlässlicher Berufsorientierung werden in vielen Regionen Deutschlands ähnlich diskutiert. Die Befragung ordnet sich damit in einen größeren fachlichen Kontext ein und unterstreicht die Bedeutung, Jugendhilfeplanung datenbasiert, beteiligungsorientiert und regional differenziert weiterzuentwickeln.
Insgesamt wird deutlich: Wer die Bedürfnisse junger Menschen ernst nimmt und systematisch in Planungsprozesse einbezieht, schafft die Grundlage für zukunftsfähige Angebote – nicht nur in Mittelsachsen, sondern auch als Beispiel für andere Regionen.
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